1. Historische Entwicklung
 
Dr. Erhart Paul begann 1946 mit einer Singarbeit auf Rüstzeiten der Jungen Gemeinde. Diese wurden später „Wochen für Singleiter der Jungen Gemeinde“ genannt. Im Februar 1948 erhielt diese Arbeit durch einen Auftrag für Singarbeit beim Landesjugendpfarramt eine offizielle Bestätigung. Ob er schon während des Krieges Jugendliche zu Sing-Rüstzeiten zusammen nahm, ist fraglich. Jedenfalls fand bereits 1946 die erste „Singwoche“ statt, und zwar damals schon unter seiner Leitung.
    Er unterstand als Landes(jugend)singwart dem Landesjugendpfarramt von Sachsen in Dresden. Die Wochen hatten die Gestalt normaler Jugendrüstzeiten nach dem Muster der CVJM-Arbeit, aus der Erhart Paul stammte, mit besonderer musikalischer Betonung, d.h. es gab täglich Gebetszeiten, eine Bibelarbeit und täglich mindestens 1 Stunde offenes Singen, später auch Singübungsstunden. Als erstes wurde die Complet als Nachtgebet eingeführt. Es folgten 1948, 1949 und 1950 Singwochen in Bautzen (so die Mitteilung von Dr. Ernst Koch), von denen aber keine weiteren Unterlagen zu finden waren.
 
Von 1951  – 1959 fanden die Singwochen weiterhin in Bautzen statt, die ursprünglich als Lehrwoche für Singleiter der Jungen Gemeinden in Sachsen deklariert waren. 1952 durften aus politischen Gründen in Sachsen keine solchen Wochen durchgeführt werden, und so wurde die Singwoche als „Sommerakademie“ an der Kirchenmusikschule in Halle veranstaltet. In den Folgejahren gab es auch noch weitere Singwochen an anderen Orten. Geleitet wurden diese Wochen alle von Dr. Erhart Paul.
    Dr. Christian Zschuppe beschreibt den Tagesplan der Singwochen aus den fünfziger Jahren so: Laudes, Frühstück, Bibelarbeit, 2 Stunden Übung mit gregorianischem Choral und Kirchenlied, Mittagessen und Pause, 3 Stunden Übung mit mehrstimmiger Chormusik, besonders von Schütz, Bach, Distler, David u.a., Abendbrot, offenes Singen mit Kanons und Volksliedern und Dirigierübungen, Complet, anschließend im Freien der Kanon „Non nobis Domine“ von William Bird, danach freiwillig Gebetsgemeinschaft in der Sakristei knieend.
 
Ab 1960 gehen die Anmeldung zu den Singwochen nachweislich über den Landeskirchenmusikdirektor Hans Jürgen Thomm in Leipzig. Somit waren diese Wochen Bestandteil der Sächsischen Singwochen, die vom Landeskirchenmusikdirektor organisiert wurden, (Es gab damals in Sachsen ca. 20 verschiedenartige Singwochen).
    Nach dem Wegzug von Dr. Paul nach Hannover 1960 musste ein neuer Leiter gefunden werden, und so wurde Walter Heinz Bernstein von Dr. Paul angefragt, ob er die Leitung übernehmen würde. Er wurde dann 1962 mit der Leitung beauftragt und leitete in der ersten Woche nur die Figuralmusik, während Klaus Petzold die liturgische Arbeit übernahm. Schon ab der zweiten Singwoche übernahm Bernstein dann alle musikalischen Aufgaben. Er leitete diese Wochen, mit Unterbrechung bis 1975. Im Jahre 1976 übernahm Dr. Paul noch einmal eine Woche in Altenburg, um den freigehaltenen Termin im Magdalenenstift zu nutzen. Dann war für Bernstein eine Weiterführung aus persönlichen Gründen nicht möglich.
 
Erst 1980 wurde das Anliegen der liturgischen Arbeit für die Singwochen wieder aufgegriffen und von Walter Heinz Bernstein die Arbeit mit einer „Gregorianischen Arbeitswoche“ fortgesetzt. Damit begann auch die Arbeit nach neueren semiologischen Erkenntnissen und Gesichtspunkten und insbesondere auch an lateinischen Messen.
    Nach dem Wegzug von Bernstein im Jahre 1985 aus dem Gebiet der ehemaligen DDR übernahm zunächst interimsweise Lothar Fleischer diese Woche im Jahre 1985, die damals in der Kirchenmusikschule Dresden stattfand und danach Dr. Bernhard Gröbler, der sich sehr intensiv mit der Neumenkunde und der Gregorianik befasste und auch schon selbst seit 1982 den Liturgischen Singkreis Jena leitete.
 
Aus gesundheitlichen Gründen gab dieser die Leitung im Jahr 2001 an Kantor Stephan Seltmann ab. Stephan Seltmann hatte damals sein kirchenmusikalisches Studium bereits abgeschlossen.
 
Die Singwochen dauerten von Anfang an bis heute in der Regel 7 – 10 Tage.
 
 
2. Repertoire der figuralen Musik
 
Im Jahre 1963 wurden die von Dr. Paul angeschafften und verwendeten Noten aus der allgemeinen Singwochenbibliothek ausgegliedert und bildeten den Grundstock für die Notenbibliothek der Kurrende der Peterskirche in Leipzig, blieben aber nach wie vor Eigentum der Singwochenbibliothek. Aus diesem Notenbestand lässt sich etwa das Repertoire ersehen, das damals zu den Singwochen figuraliter musiziert wurde.
 
Hervorzuheben ist das besondere Geschick Erhart Pauls, jungen, ungeübten Menschen Freude am Singen erleben zu lassen und sie sowohl zum einstimmigen als auch zum mehrstimmigen Singen zu bewegen und zu begeistern.
    Zunächst wurden sicherlich einfache Sätze aus den Sammlungen „Gesellige Zeit“ und „Geselliges Chorbuch“ sowie Volkslieder von Johannes Brahms gesungen. Später kamen dann Motetten von Heinrich Schütz und Joh. Seb. Bach sowie Messen von Palestrina dazu. Aber auch Werke neuerer Komponisten sind in dem Notenmaterial zu finden, so z.B. Johann Nepomuk David, Hugo Distler, Kurt Thomas, Johannes Weyrauch u.a.
 
Die arbeitsreichste Singwoche war wohl die 1975 in Heiligenstadt. Dort wurden in der einen Woche neben den Stundengebeten und der Messe einstudiert von Bach die Motette „Singet dem Herrn“, von Schütz „Ich bin der rechte Weinstock“, von Bruckner „Ave Maria“ und „Vexilla regis“ und von Palestrina die Messe „Tu es Petrus“.
 
 
3. Zusammenhänge mit Alpirsbach
 
Es existierten nach dem Krieg an mehreren Stellen kleine Gruppen, die Alpirsbacher Vorlagen nutzten, jedoch bestand kaum eine Verbindung zwischen den einzelnen Gruppen. So wurden z.B. in der Zeit von 1951 bis 1959 in der Thomaskirche zu Leipzig täglich Laudes und Sext gebetet an denen Studenten verschiedener Fakultäten der Leipziger Universität, wie Theologen, Schulmusiker, Mathematiker, Physiker und Mediziner beteiligt waren. Auch die Oster- und Pfingstwoche wurde dort mehrfach gefeiert. Während der Landeskirchenmusiktage im Jahre 1952 sang eine Schola unter der Leitung von Dr. Paul täglich Laudes und Complet . So war es offiziell im Programm vermerkt und damit allen Tagungsteilnehmern mitgeteilt.
 
Dr. Erhart Paul leitete auch einen liturgischen Arbeitskreis, aus dem 1954 die Evangelisch-Lutherische Gebetsbruderschaft entstand. Diese übernahm Laudes, Sext, Vesper und Complet als Grundlage für ihr Brevier.
    In der Anfangszeit der Singwochen, unmittelbar nach dem Krieg, wurden vorwiegend Abschriften aus dem Alpirsbacher Antiphonale benutzt.
    Greifbar waren auch andere Vorlagen, wie z.B. das „Evangelische Gebetbuch“ von Frieder Schulz, das bei der Evangelischen Verlagsanstalt veröffentlicht wurde und auf Alpirsbacher Vorlagen zurückgreift.
    Durch die Teilung Deutschlands stand nicht ausreichendes Notenmaterial für diese Arbeit zur Verfügung, und sowohl Dr. Paul als auch Heinz Bernstein waren auf Abschriften angewiesen. Dabei ergab sich die Gelegenheit zu Veränderungen und zur sukzessiven Vervollständigung des von Buchholz übernommenen Materials. So kamen weitere Antiphonen und Gesänge hinzu, und es entstand das unten erwähnte „Leipziger Brevier“.
 
Dr. Friedrich Buchholz führte 1965 an der Predigerkirche in Erfurt eine Woche nach dem Muster der Kirchlichen Wochen Alpirsbach durch, an der auch Dr. Erhart Paul, Heinz Bernstein, Pfarrer Hans-Werner Ludwig und Dr. Ernst Koch teilnahmen. Außerdem besuchte Walter Heinz Bernstein während seiner Kantorentätigkeit im westlichen Teil Deutschlands bis zu seiner Übersiedelung in den Osten im Jahr 1956 mehrfach auch die kirchlichen Wochen in Alpirsbach. Ob weitere Verbindungen vorher bestanden, konnte nicht ermittelt werden.
 
Walter Heinz Bernstein erhielt nach einem Schriftwechsel mit Dr. Friedrich Buchholz dessen ausdrückliche Erlaubnis, bei seinen Arbeiten auf Veröffentlichungen von Buchholz zurückzugreifen.
    Der Unterschied zur kirchlichen Arbeit Alpirsbach (KAA) besteht im Wesentlichen auf theologischem Gebiet. Während die KAA eher die Theologie Karl Barths vertrat, hatte die sächsische Singwochenarbeit sowohl unter Dr. Pauls als auch unter Bernsteins Leitung eine deutlich lutherische Prägung.
 
In letzter Zeit trug insbesondere Dr. Friedrich Jacob als theologisch Verantwortlicher der Gregorianischen Arbeitswochen durch seinen klaren kirchlichen Standpunkt und durch anspruchsvolle und doch verständliche Vorträge und durch sein seelsorgerliches Wirken zum unverwechselbaren Charakter der Gregorianischen Arbeitswochen entscheidend bei.
 
 
4. Liturgische Arbeit am Tageszeitengebet
 
Wie bereits oben beschrieben, wurde als erstes die Complet als Nachtgebet der Kirche genutzt. Welches Formular damals verwendet wurde, lässt sich heute nicht mehr genau klären. In der Folgezeit traten weitere Tageszeitengebete schrittweise hinzu. Auch hierfür wurden Abschriften des Alpirsbacher Antiphonale verwendet, teilweise aber auch handschriftlich weitergegebene Antiphonen, Responsorien und Hymnen, deren Quelle nicht ausschließlich die Alpirsbacher Arbeit war.
    Insbesondere für die Arbeit mit Leipziger Studenten beauftragte Dr. Paul Ernst Koch, eine Psalmenordnung zu erstellen, in der alle 150 Psalmen auf Laudes, Sext und Vesper verteilt im Vierwochenturnus gebetet werden.
 
Dr. Paul selbst richtete mit Dr. Christian Zschuppe und Klaus Petzold den gesamten Psalter zum Singen ein und ließ ihn 1960 in Westdeutschland drucken. Für das Antiphonar wurden neben den Alpirsbacher Modellen auch andere, von Dr. Paul bearbeitete Antiphonen verwendet. So entstand die Urform des Leipziger Brevieres.
    Zu den Singwochen wurden handgeschriebene und durch Lichtpausverfahren vervielfältigte Noten („Liturgie der Kirche“) verwendet, deren erste Ausgabe von Pfarrer Friedrich Bühler nach den Vorgaben von Dr. Paul geschrieben war.
Ende der sechziger Jahre schrieb Heinz Bernstein ein neues Heft, „Liturgie der Kirche II“, das für die Singwochen benutzt wurde. Später verfasste er „Liturgie der Kirche III“ und verwendete dabei alle Psalmtöne. „Liturgie der Kirche III“ wurde noch bis zum Erscheinen des gedruckten Leipziger Brevieres zu den Singwochen benutzt.
 
In den Heften „Liturgie der Kirche“ I – III waren neben der Complet die Tagzeitengebete Laudes, Sext und Vesper jeweils für einen Tag enthalten. Diese wurden während der Singwochen täglich gebetet. Außerdem enthielt „Liturgie der Kirche I“ eine Messe nach dem Alpirsbacher Modell A und „Liturgie der Kirche II“ eine Messe nach dem Alpirsbacher Modell B.
    Anknüpfend an die Leipziger Psalmenordnung und das Antiphonar arbeitete Walter Heinz Bernstein in Zusammenarbeit mit anderen Gliedern der Bruderschaft an der Vervollständigung des Brevieres weiter. Zunächst stellte er sich ein handschriftliches Exemplar zusammen, das immer mehr erweitert wurde. So ergänzte er das ursprüngliche Leipziger Brevier insbesondere durch die Teile „De Tempore“ und „De Sanctis“ mit eigenen Arbeiten und solchen von Dr. Erhart Paul und teilweise von Dr. Buchholz. Das so entstandene Brevier wurde in der Wendezeit (1989 – 1991) von der Evangelisch-Lutherischen Gebetbruderschaft gedruckt, als „Leipziger Brevier“ herausgegeben und seit dieser Zeit auch bei den Singwochen als Vorlage genutzt. Dadurch wurde es möglich, die Wochentage und damit die Psalmen zu wechseln.
 
 
5. Liturgische Arbeit an der Messe
 
Bereits in der Anfangszeit gehörte der Sakramentsgottesdienst, die deutsche evangelische Messe, zum Programm der Singwochenarbeit. Anfangs wurden dafür nur Abschriften aus den Alpirsbacher Messheften verwendet. Während der Gesamtchor nur das Ordinarium sang, fiel der Schola die Aufgabe zu, aus handschriftlichen Blättern die Propriumsstücke zu singen. Aus der Anfangszeit stammen noch abschriftlich hergestellte Hefte (von Dr. Paul oder Friedrich Bühler geschrieben) mit einem Modell der Messe, die sich an das Alpirsbacher Modell A anlehnt. „Liturgie der Kirche II“ enthielt dann eine Messe nach dem Modell B.
 
Die Gregorianischen Arbeitswochen (1980) bedeuteten dann einen Neuansatz. Nun wurden unterschiedliche neue Ordnungen, z.B. eine Kyrie-Litanei erprobt und dafür spezielle Vorlagen geschrieben.
    In dieser Zeit entstand auch die erste Form des Gebetes zur erweiterten Abendmahlsliturgie (Kanongebet). Zunächst wurde die gesamte Messe, außer Lesungen und Predigt, in lateinischer Sprache gefeiert. Inzwischen hat sich eine deutsch-lateinische Mischform als praktikabel herauskristallisiert.
 
Als die Gregorianischen Arbeitswochen sich mit dem lateinischen Ordinarium zur Messe beschäftigten, stellte der damalige Bischöfliche Rat des römisch-katholischen Bistums Meißen für ökumenische Fragen, Dr. Josef Gülden, einige Exemplare des nicht mehr benötigten Gesangbuches der Diözese Meißen „Laudate“ der Arbeit zur Verfügung. In ihm waren noch alle gängigen Modelle der lateinischen Messe enthalten. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden auch andere Quellen greifbar und man konnte sich beispielsweise am Graduale Triplex orientieren.
 
Inzwischen wurde von der Evangelisch-Lutherischen Gebetsbruderschaft ein neues Messordinarium vorgelegt, was auch zu den Singwochen genutzt wird.
    Aus gegebenem Anlass wurden auch spezielle liturgische Formen erprobt, so beispielsweise eine liturgische Form der Taufe und eine Brautmesse.
 
 
6. Einfluss der Semiologie auf die Arbeit der Singwochen
 
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Gregorianik klassisch gleichmäßig Note für Note, Punktum für Punktum, gesungen. Von dieser Arbeit war auch Dr. Paul geprägt und praktizierte diese Interpretationsweise noch zu Beginn seiner Arbeit.
 
Über die musikwissenschaftlichen Arbeiten von Konstantin Floros erhielt Heinz Bernstein schließlich auch Zugang zu anderen einschlägigen Veröffentlichungen und entdeckte die Ornamentik in der Gregorianik, so wie schon zuvor die Ornamentik in der Barockmusik neu entdeckt worden war. Dabei sah er in erster Linie die musikantische Seite und betrachtete die Gregorianik immer als Musik im Zusammenhang der musikalischen Entwicklung.
 
Dr. Bernhard Gröbler beschäftigte sich eingehend mit der Quellenlage und einschlägiger Literatur und nahm auch neue Erkenntnisse der Neumenkunde in seine Arbeit sowohl mit dem Liturgischen Singkreis Jena (LSKJ) als auch mit der Gregorianischen Arbeitswoche auf.
    Der LSKJ pflegt fast ausschließlich den lateinischen Choral in Messe und Offizium. Seit ca. 1986 stellt für ihn die Semiologie den Schlüssel zur Interpretation dar. Das konnte schon aufgrund der Personalunion seiner Leitung mit der Leitung der Gregorianischen Arbeitswochen nicht ohne Einfluss auf deren Arbeit bleiben.
    Da das Alpirsbacher Antiphonale vor der allgemeinen Anerkennung der Semiologie entstand, kam es darauf an, seine Notation bei den „jüngeren“ Gregorianischen Arbeitswochen semiologisch umzuinterpretieren.
 
Schließlich lernte Stephan Seltmann bei seinem Studium in Paris die neuesten Forschungsergebnisse in Theorie und Praxis kennen und versucht seitdem, sie bei den Gregorianischen Arbeitswochen umzusetzen.
 
 
7. Zu den Personen
 
Dr. Erhart Paul war Domkantor in Meißen, verlor im Krieg (1941) einen Arm und die Sehkraft eines Auges und konnte demzufolge seinen Dienst nicht mehr versehen. Deshalb studierte er in Berlin Musikwissenschaft und war später auch Dozent für Liturgie und Hymnologie am Staatlichen Konservatorium für Musik in Leipzig.
    Erhart Paul war Mitglied des Christlichen Vereins Junger Männer und hielt auch immer Verbindung zu anderen Mitgliedern des Vereins. Zu einer ersten Jugendrüstzeit unter Leitung von Dr. Paul nach dem Krieg kam es schon 1946 in Eichgraben bei Zittau, wo erstmals die Complet als Nachtgebet gefeiert wurde. Seine ersten Kontakte zur Alpirsbacher Arbeit konnten nicht genau ermittelt werden. Seit seiner Berufung als Landes(jugend)singwart der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens im Februar 1948, führte er so seine bereits begonnene Arbeit von Amts wegen fort.
    1960 siedelte er nach Hannover über und arbeitete dort u.a. im Auftrag der VELKD. Nach seiner Pensionierung befasste er nochmals intensiv mit der Arbeit an liturgischen Quellen des Mittelalters.
 
Walter Heinz Bernstein studierte in Leipzig bei Karl Straube und Johann Nepomuk David Kirchenmusik und wurde unmittelbar vom Studium aus zum Kriegsdienst einberufen. Danach war er zunächst in Hamburg und Ravensburg Kantor. 1950 erhielt er in Leipzig den Bachpreis für Cembalo.
    Im Jahre 1956 siedelte er in seine Heimatstadt Leipzig über und wurde dort Kantor zunächst an der Friedenskirche (als Nachfolger von Diethart Hellmann), später Kantor an der Peterskirche. Im Jahre 1962 übernahm er die Singwochen von Dr. Paul und führte sie bis 1975 fort. Neben seiner danach vorwiegend konzertanten Tätigkeit setze er die Beschäftigung mit der liturgischen Musik fort.
    Das liturgische Anliegen für die Singwochen wurde von ihm 1980 wieder aufgegriffen und mit neuen Akzenten in den Gregorianischen Arbeitswochen fortgesetzt. Während dieser Zeit arbeitete er, auch nach seinem Wegzug aus dem sowjetisch besetzten Teil Deutschlands, auf diesem Gebiet intensiv weiter.
    Die Verbindung zur Evangelisch-Lutherischen Gebetsbruderschaft bestand weiter, und so wurden seine Arbeitsergebnisse in Form von Brevier und Messbuch veröffentlicht.
 
Dr. Bernhard Gröbler studierte Physik und promovierte in Jena. Die Gregorianik lernte er über Singwochen bei Heinz Bernstein kennen, ließ sich von dieser Musik faszinieren und beschäftigte sich intensiv mit ihr, vor allem mit den Quellen und ihrer Bedeutung auf musikwissenschaftliche Grundlagen. Er besuchte mehrere Fachkurse bei G. Joppich und steht in fachlichem Austausch mit einschlägigen Wissenschaftlern, wie P. Gülke, Chr. Kaden und K. H. Schlager. Seit 1995 ist er Honorardozent für Gregorianik an mehreren mitteldeutschen Universitäten und Musikhochschulen.
    Bei seiner Arbeit im Liturgischen Singkreis Jena und bei den Gregorianischen Arbeitswochen versuchte er, die Theorie in der Praxis anzuwenden. Er leitete die Gregorianischen Arbeitswochen von 1986 an bis zum Jahre 2000. Mit der Wende und den aufkommenden wirtschaftlichen Veränderungen bemühte er sich um Geldquellen für diese Wochen, um sie auf hohem Niveau zu halten. Dank seiner Beziehungen konnte jahrelang das Augustinerkloster in Erfurt und jetzt schließlich das Kloster in Drübeck für die Gregorianischen Arbeitswochen genutzt werden.
 
Stephan Seltmann wuchs in Roßwein auf, wo sein Vater Pfarrer und zugleich Glied der Ev. Luth. Gebetsbruderschaft war. In Pfarrhaus, Gemeinde und bei Konventen wuchs er buchstäblich mit der Gregorianik auf. Er lernte zunächst Drogist, da ihm die politischen Umstände kaum eine andere Wahl ließen.
    Im zweiten Bildungsweg studierte er dann Kirchenmusik an der Kirchenmusikschule in Dresden und nahm anschließend ein Aufbaustudium am Pariser Nationalen Konservatorium auf, um sich speziell auf dem Gebiet der Gregorianik weiter zu bilden. Schon sehr bald besuchte er auch die Gregorianischen Arbeitswochen und sang im Liturgischen Singkreis Jena bei Dr. Gröbler mit. Seit dem Jahre 2001 leitet er nun diese Singwochen und ist auch bemüht, das Wissen anderer qualifizierter Teilnehmer einfließen zu lassen.
 
Günter Widemann, der Schreiber dieser Zeilen, nahm 1965 erstmals an einer liturgischen Singwoche bei Heinz Bernstein in Altenburg teil und besuchte diese und andere Singwochen. Seit 1980 ist ihm die Organisation der Gregorianischen Arbeitswochen aufgetragen. Durch Sichtung der Unterlagen und nach Konsultationen mit Charlotte Paul, Brigitte Johannes, Dr. Ernst Koch, Friedrich Bühler und Dr. Christian Zschuppe konnte von ihm diese Übersicht zusammengestellt werden.
 
Abschließend muss gesagt werden, dass durch die Bemühungen um die Liturgie eine ganze Generation von Kirchenmusikern und Theologen geprägt wurde. So sind als Teilnehmer zu nennen die späteren Kantoren Lothar Fleischer, KMD Nöbel, Günter Weinberg (Kamenz), Thomaskantor H-J. Rotzsch,, Domorganist Wauer, Brigitte Johannes u.a. Unter den Theologen sind zu nennen Prof. Dr. Ulrich Kühn, Dr. Christian Zschuppe, Hans-Werner Ludwig, Dr. Ernst Koch, Sup. i.R. Dr. Friedrich Jacob, Prof. Dr. Christoph Michael Haufe, Friedrich Bühler, Dr. Bernhard Uhlmann (†) und Bischof H.-J. Wollstadt (†), um nur einige Namen zu nennen.
Unter den Teilnehmern der Gregorianischen Arbeitswochen unter Heinz Bernstein sind u.a. der Alt-Philologe Dr. Jörg Milbradt, der Komponist Jörg Herchet und der spätere Pfarrer Frank Bliesener zu verzeichnen.
    Nach der Wiedervereinigung Deutschlands nahmen an den Arbeitswochen zahlreiche Kantoren und Pfarrer aus ganz Deutschland, den Niederlanden, Rumänien und Russland teil, unter ihnen Pfarrer Jüngst, Dr. Andreas Pfisterer und Domorganist Skobowsky (Freiberg). Seit 1986 zählten die Arbeitswochen insgesamt über 300 verschiedene Teilnehmer.
 
 
Geschichte der Singwochen